Schatten

für Bassklarinette, Schlagzeug und Akkordeon

Dieses Stück war in einer ursprünglichen Fassung für die Besetzung Baßklarinette–Schlagzeug–Klavier konzipiert. Als ich auf der Grundlage dieses ersten Versuchs eine revidierte Fassung (mit Akkordeon statt Klavier) für das Festival „Hörgänge“ im Wiener Konzerthaus erstellte, waren es vor allem die spezifischen Möglichkeiten der Mischung von Klangfarben, die mich dazu anregten, das strukturelle Konzept noch einmal zu überdenken und dasselbe lediglich als auslösendes Initium zu betrachten. Im Verlauf der revidierten Fassung sind es immer wieder die klangfarblichen Valeurs, die sich als vorläufige Endpunkte gedanklicher Abfolgen erweisen.

Die erwähnte strukturelle Basis bilden permutierte Akkordreihen, die sich, von einem Ursprungsakkord ausgehend, in stetigem Fluss befinden. Erinnert diese wechselseitige Beleuchtung an traditionelle Vorbilder, so entspricht auch die rhythmische Ausarbeitung dem konventionellen Verfahren, einen zentralen Aspekt aus mehreren Perspektiven zu betrachten. Einerseits entsteht dadurch Ähnliches, aber niemals Gleiches. Andererseits vermögen es die unterschiedlichen Perspektiven der Beleuchtung, Auswege aus dem starren Konzept zu zeigen – vielfältige Schatteneffekte sorgen für Unschärfen, die im weiteren Verlauf immer deutlicher herausgearbeitet werden. Zunächst sind es formale Einschübe in Gestalt kleiner Instrumentalsoli und eine Aufweichung der rhythmischen Konsequenz, die zur Auflockerung beitragen. Letztendlich weichen die Vorgänge, die für den Beginn konstitutive Bedeutung besaßen, immer mehr in den Hintergrund zurück. In den Vordergrund tritt, insbesondere gegen Schluss, das sphärische Moment. Das Stück erinnert zunächst von ferne an serielle oder postserielle Texturen. Am Ende steht der Versuch, einer solchen Konzeption inhaltliche Transparenz im Sinne einer gleichsam “menschlichen” Perspektive zu verleihen.

Eine erhöhte Transparenz deutet sich erstmals in einer Offenlegung der akkordischen Struktur in Gestalt eines “Flüsterkanons” an, der nur vorübergehend in eine Reminiszenz des Beginns mündet. Im Blick zurück kehren sich die Verhältnisse um – es erscheint das sphärische Moment als substantiell, die strukturelle Basis aber als deren Schatten (ein mögliches Pendant wäre Platons “Höhlengleichnis”). Interpretiert man Schatten als Sinnbild verdrängter Triebe oder Wünsche, gleichsam als Verkörperung des Unbewussten (und diese Akzentuierung besitzt tatsächlich literaturgeschichtliche Tradition), so vermag sich im Sphärischen inhaltliche Bewusstheit gegenüber struktureller Konsequenz zu etablieren. Ein kanonischer Verlauf in tiefer Lage wechselt abrupt in höchste Regionen, in diesem quasi–”Durchbruch” steigert sich die Mischung der Klangfarben zu größter Intensität.
Gegen Schluss löst sich aber auch jenes “luftige” Moment wieder auf. Die Bewegung der Instrumente wird im Ton b “eingefroren”, der zuvor im “Flüsterkanon” zur dynamischen Polarisierung diente. In den Girlanden einer Klarinettenkadenz zerfließt der Verlauf, das Akkordeon setzt mit einem glissando den Schlußpunkt. Wir neigen dazu, den Wesen, die Schatten werfen, Dauerhaftigkeit zuzuschreiben. Sind aber nicht auch jene Dinge unentwegt Änderungen in Farbe und Textur ausgesetzt, ja sind sie nicht selbst schemenhafte Ausformungen eines höheren Prinzips? Am Ende steht eine Frage – nur vage angedeutet sind Gedanken auf der nächsten Ebene.

“Schatten” wurde beim Festival Hörgänge im Wiener Konzerthaus mit den Interpreten Ernesto Molinari (Bassklarinette), Lukas Schiske (Schlagzeug), Georg Schulz (Akkordeon) uraufgeführt.

Enstehung: 1999
UA: 4.4.2000, Konzerthaus Wien (Festival Hörgänge)
Interpreten: Ernesto Molinari (Bassklarinette), Lukas Schiske (Schlagzeug), Georg Schulz (Akkordeon)

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