Cantus für Cello und Klavier wurde im Mai / Juni 1999 komponiert und war das letzte Stück, das im Rahmen des Kompositionsunterrichtes bei Prof. Urbanner an der Wiener Musikuniversität entstanden ist. Betrachtet man das Stück im Großen, so fällt eine Art von Bogenform auf: der Beginn ist aus gestischen Einwürfen zusammengesetzt, die sich noch nicht so recht zum Ganzen fügen wollen. Dieser Eindruck des Unfertigen wird abrupt gestoppt – in tiefer Lage beginnt eine dichte pp - Bewegung in beiden Instrumenten, die sich allmählich in die höchste Lage erhebt. Nach einer Zäsur entlädt sich die Energie in einer ausgedehnten Melodie im Violoncello (deswegen auch Cantus – dieser Titel hat nichts mit Gregorianik zu tun). Die Klavierbegleitung ist bewusst differenziert gehalten – in Bezug auf Artikulation und Bewegungsformen. Die Melodie steigert sich im Tempo und in der rhythmischen Vielfalt, um schließlich in einem glissando abzustürzen. Beide Instrumente verstummen vorerst, der Bogen schließt sich in mancher Hinsicht zum Beginn, keineswegs aber in Bezug auf die Stimmung: der Verlauf mündet in einen gänzlich anderen, sphärischen Charakter, in den Effekte unterschiedlicher Art integriert sind. Ein flagolett-glissando beendet das Stück mit einer Überraschung.
Im Kleinen basiert das Stück auf Akkordpermutationen. Mir war es wichtig, dass die Harmonik durch ähnliche, aber niemals gleiche Intervallfolgen und Akkordschichtungen geprägt ist. Dabei entstehen jeweils Akzentuierungen einer bestimmten Harmonik, um ein “Grau in Grau” zu meiden. Die Akkordpermutationen äußern sich linear und vertikal, wobei auch die Auswahl der Intervalle einer bestimmten Systematik folgt. Diesem strengen Konzept stehen die frei behandelte Rhythmik, der relativ konventionelle formale Aufbau und das unvermutete Einsetzen von Klangfarben und Effekten im Schlussteil gegenüber.
Entstehung: 1999
UA: 15.6.2000, Karajan-Centrum Wien (Konzert des ÖKB)
Interpreten: Barbara Körber (Violoncello), Mathilde Hoursiangou (Klavier)