Einstellungen für Klarinette, Oboe und Fagott

Im Booklet zu jener CD des Ensembles Triple Tongue Vienna, die unter anderem auch meine Einstellungen enthält, schreibt der Fagottist des Ensembles, Robert Gillinger: „In Gruppen zusammen musizierende Bläser waren immer schon – weil laut und freilufttauglich – auf unterhaltsame und funktionelle Genres festgelegt. Wenn das Streichquartett ein Gespräch zwischen vier vernünftigen Menschen sein soll, dann ist Bläsermusik das Geplärr und Gesäusel von Narren.“

Ob ein solches Geplärr und Gesäusel auch in den Einstellungen zu hören ist, mögen andere entscheiden; in jedem Fall ist dieses Stück durch eine äußerst eigenartige Überlagerung von heterogenen Materialien bestimmt: einerseits sind dies Studien über musikalische Charaktere, vermittelt durch Klarinette (Satz 1: „Klar und nett“), Oboe (Satz 3: „O-ho“) und Fagott (Satz 5: „Egottist“), andererseits Bruchstücke aus Mussorgskijs „Bilder einer Ausstellung“.

Die „Einstellungen zur Welt“ in Form von „Charakteren“ vermittelt zunächst, in Satz 1, die Klarinette. Die hier vorgestellte „klare und nette“ Welt gerät jedoch aus den Fugen. Und wenn sich gegen Schluss die ordnenden Kräfte wieder sammeln, will dies nicht ganz gelingen. Ein Wort zur Metrik: Die Taktstriche stellen scheinbar nur Orientierungsmarken dar. Dennoch: Wenn die Musiker, wie vorgesehen, jeweils leicht und unaufdringlich die erste Zählzeit betonen, wird dadurch erst ein gewisser Swing spürbar, und die Verschiebungen werden vor diesem regelmäßigen Puls erst wahrnehmbar.

Im Satz 3, „o-ho“, wird ein Choral immer wieder von der Oboe, die die Feierstimmung nicht ernst nimmt, mit Rufen unterbrochen. Dies bringt Klarinette und Fagott in Rage: Hyperaktiv-geschwätzig versuchen sie, das Scheitern des feierlichen Chorals zu übertünchen – auch dies gelingt nur zum Teil. Das Ungleichgewicht bleibt bestehen: Am Schluss zeigt sich die Oboe besänftigt, die anderen sind in Aufruhr ... In Satz 5 hat das Fagott seinen Auftritt als „Egottist“ – es will sich nicht sozialisieren und bricht immer wieder aus. Bis zum Schluss kann es nicht gezähmt werden. Der Größenwahn setzt sich durch.

Zwischen diesen Charakterbildern leiten „Promenaden“ von Bild zu Bild über. Die erste ist langsam, die zweite komplexer, und die dritte ist ein virtuoses Schlussstück, eine „Schnell-Promenade geschwätziger Küken auf ihren Eierschalen“. Wer sich nun endgültig – fast schon „mit dem kompositorischen Holzhammer“ – an Mussorgsky erinnert fühlt, wird ganz am Schluss zu allem Überdruss auch noch mit dem Beginn des zweiten Stückes („Gnomus“) aus den „Bildern“ konfrontiert – aber, wer weiß, vielleicht denken da manche bereits an die lange Nase des Till Eulenspiegel?

In den Einstellungen habe ich versucht, die rhythmische Struktur vielfältig zu gestalten, ohne in Diffusität zu münden. Der Musikkritiker Claus Woschenko hat deswegen anlässlich der Lübecker Uraufführung auch von einem „rhythmisch vertrackten Werk“ gesprochen. Das ist eigentlich überraschend: Ein Wiener Komponist schreibt rhythmisch vertrackt – ausgerechnet in jener Stadt, in der sich die Melodienseligkeit stets zuhause fühlte und der Rhythmus eher ein Schattendasein führte! Ja, vielleicht ist gerade in einigen Momenten der Einstellungen tatsächlich zu hören, wie viel ich dem rhythmischen Drive eines leider bereits verstorbenen Wiener Komponisten, nämlich Otto M. Zykan, verdanke.

Entstehung: 2004
UA: 26.6.2005, Lübeck (Kirche St. Vicelin)
Interpreten: Ensemble Triple Tongue Vienna (Robert Gillinger, Fagott; Paul Kaiser, Oboe; Alexander Neubauer, Klarinette)

Partitur als PDF-Download