Metamorphosen für Violine solo und Orchester

Die Metamorphosen für Violine und Orchester, entstanden in den Jahren 1997/98 und uraufgeführt durch Karin Adam (eine Folgeaufführung in Kiew spielte Ernst Kovacic), stehen im Spannungsfeld der Tradition. Traditionell ist an ihnen zunächst der Grundgedanke der Metamorphose. Dienten im Verlauf des 20. Jahrhunderts wiederholt motivisch-melodische Keime als Grundlage eines pflanzenhaft-wuchernden Gestaltungsprinzips, so war es mein Bestreben, diesen Gedanken auf das Gebiet der Harmonik zu übertragen. Ausschlaggebend war meine Sehnsucht nach einer umfassenden (für den Hörer nachvollziehbaren) Basis in klanglich-harmonischer Hinsicht – die Strukturierung der horizontalen Ebene sollte der vertikalen untergeordnet werden, um eine Beliebigkeit des Akkordaufbaus möglichst zu vermeiden. Die Komposition der Metamorphosen sah ich als Möglichkeit, mich dieser Aufgabenstellung einen kleinen Schritt zu nähern.

Der erste, zu Beginn erklingende Akkord dient als strukturelle Grundlage aller folgenden Entwicklungen. Durch intervallische Permutation werden aus ihm Akkordfolgen abgeleitet, die sich gleichsam pflanzenhaft als bestimmendes Strukturprinzip ausbreiten. Aus diesen Manipulationen erwachsen weitere untergeordnete Ebenen – der horizontale Tonhöhenverlauf (bestimmt durch die Oberstimme der Akkordfolgen) und der rhythmische Aspekt (stellenweise gekoppelt mit dem Prinzip der Permutation).

Nicht nur strukturell, sondern auch charakterlich sollen dem Grundmaterial die vielfältigsten Facetten abgewonnen werden. Der bewegte, für die folgenden Vorgänge auch in motivischer Hinsicht bedeutsame Beginn, ein engmaschiger, hohe Liegetöne in der Solovioline umgarnender Kanon, eine espressivo-Partie, die die einzelnen Akkorde chromatisch ineinander verschmelzen läßt und ein an Berg gemahnender Quintolenabschnitt sind verschiedene Aspekte ein- und desselben. Auch der Mittelteil bringt charakterlich Neues: dichte, die Motivik des Beginns umhüllende Orchestergewebe, scherzando-Partien in der Solovioline, rhythmisch pointierte und auf Farbeffekte abgestimmte solistische Abschnitte (die geigentechnischen Raffinessen sind bewußt in Grenzen gehalten).

Erinnert die im Vergleich zum ersten Abschnitt krebsläufige Gestaltung des dritten Teils erneut an Berg (diesmal in struktureller Hinsicht), so läßt der von den Blechbläsern eingeleitete und beendete choralhafte Schlußabschnitt möglicherweise durch seinen “verklärten” Tonfall Assoziationen zu diesem großen Vorbild zu. Ist aber einem Werk der heutigen Zeit ein Tonfall der Verklärung noch angemessen, oder wird hier ein vergangenes Vokabular heraufbeschworen? Der lang ausgehaltene, hohe Schlußton in der Solovioline gemahnt ein letztes Mal an die Tradition, an Berg und dessen Violinkonzert. Gleichzeitig aber kurze, abgerissene Phrasen – am Ende steht der Zerfall, oder doch die Verklärung?


Entstehung: 1997/98
UA: 1998, Festsaal der Universität Wien, Dr. Karl-Lueger-Ring 1, 1010 Wien
Interpreten: Sinfonietta Baden, Karin Adam (Violine), Thomas Rösner (Dirigent)

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