2 Lieder nach Gedichten von Rilke für Mezzosopran und Klavier

Bei einem Komponistengespräch wurde ich einmal gefragt, warum ich Texte vertone, die schon ungefähr 100 Jahre alt sind. Meine Antwort war: weil ich denke, dass es Texte gibt, die zeitlos sind in ihrem Gehalt und ihrer Botschaft. So geht es mir mit Rilke.

Für die “Zwei Lieder nach Rilke” habe ich mir zwei sehr unterschiedliche Gedichte ausgesucht. Das erste: aus dem Nachlass, sehr deklamatorisch, aus einzelnen, sehr expressiv anmutenden Bestandteilen – und das zweite: das letzte aus den Orpheus-Sonetten, das nicht so innerlich zerrissen, das viel regelmäßiger ist.

Dem folgt auch die Komposition. Im ersten Lied wird die Gesangsstimme in vielen Facetten zwischen Gesang und Deklamation geführt, dem entspricht auch eine vielfältige Behandlung des Klavierparts bis hin zu Flageoletts und ausgespartem einstimmigem Satz. Gewisse harmonische Felder spielen eine Rolle, die Tonalität bleibt im ersten Lied aber größtenteils ausgespart. Im Gegensatz zum zweiten Lied: Hier festigt sich das Geschehen im Zusammenhang mit dem Text, auch in Bezug auf einzelne tonale Zentren.

Insgesamt war mir die Expressivität und Ausdrucksstärke zwischen Verzweiflung und Zuversicht ein großes Anliegen, die wahrscheinlich durch eine Singstimme am besten vermittelt werden kann.

 

The poems which form the basis of the two Rilke-songs are very different. The poem of the first song was taken from Rilke’s Nachlass. It follows principles of declamation. The poem of the second song was taken from the “Orpheus-Sonette”, it is more consistent in its phrase structure.

All this has consequences for the music. The first song is recitative-like and consists of several expressive little parts. The vocal line is moving between singing and declamation, and also the piano part is very coloured between flageolets and melodic lines. Harmonic fields play a major role, a clear tonality is avoided in contrast to the second song which is more consistent because of the clear phrasing of the text. Tonal centres can be heard especially in the second song.

Expressivity between despair and hope was my central aim in this composition. Singing is one of the best ways to transform this message into music.

 

Entstehung: 1997
UA: 1997, Institut für österreichische Musikdokumentation, Albertina Wien, Augustinerstraße 1, 1010 Wien
Interpreten: Adriné Simonian (Mezzosopran), Lieselotte Theiner (Klavier)

 

Partitur als PDF-Download