Lichtung. Kantate nach Thomas Bernhard und Andreas Gryphius für Sopran, Tenor, Bass und 6 Instrumente

Als ich die Gedichte von Thomas Bernhard und Andreas Gryphius kennenlernte, war ich nicht nur von der Aussagekraft und Musikalität der Sprache beider beeindruckt, mehr noch: ich stellte bald Gemeinsamkeiten fest. Die Epochen, denen diese beiden Persönlichkeiten angehören, das 17. und das 20. Jahrhundert, sind in gewisser Weise miteinander verwandt, weil der barocke wie der moderne Mensch in Widersprüchlichkeit lebt. Den barocken Menschen bestimmte eine Gespaltenheit zwischen dem Hang zum Weltlichen und dem Wissen um die vanitas mundi, er war geprägt von den Wirrnissen des Dreißigjährigen Krieges. Daraus resultierte ein bestimmtes Gefühl des Ausgesetztseins, des In-die-Welt-Geworfen-Seins, das uns “Zeitgenossen” ebenfalls bekannt sein mag. Für den barocken wie für den modernen Menschen bestand aber gleichzeitig auch die scheinbar paradoxe Möglichkeit, aus solch negativen Erfahrungen Kraft zu schöpfen.

Aus all dem resultiert die ewig aktuelle Idee “Durch Nacht zum Licht”, die ich im Alternieren von Texten von Bernhard und Gryphius zu realisieren versuchte. So folgt auf die Melancholie des Beginns (Gryphius) die gesteigerte Unruhe (Bernhard) bis hin zum Letzten Gerichte (Gryphius), die äußerste Grenzerfahrung bildet der Schluss des Romans “Korrektur” (Bernhard). Danach folgt das “Gegenbild”: das Sphärische in “An die Sternen” (Gryphius), die Zuversicht, die aus einigen Gedichten Bernhards spricht, und schließlich das Naturbild des anbrechenden Morgens samt abschließendem Freudentanz beim Anblick des Paradieses (Gryphius).

Das Arbeiten mit Texten löst bei mir immer Assoziationen und Bilder aus, bis hin zum Erreichen einer gewissen “Meta-Ebene” der Klanglichkeit. Ahnungen von etwas “Höherem” sollen vermittelt werden. Dennoch wird die Kantate auf der untersten, der handwerklichen Ebene durch verschiedene Strukturideen verklammert: In der Vertonung der alten Texte werden Kompositionstechniken der Alten Musik wie der Kanon in unterschiedlichen Ausprägungen oder der Fauxbordon-Satz (Sextakkorde) integriert, der durch Einfügen chromatischer Rückungen immer wieder auf fremdartige Weise “moduliert”. Die Vertonung der “neuen” Texte verbindet aus der Neuen Musik bekannte Spieltechniken, expressive Melodik und rezitierte Passagen. Letztes Ziel ist aber immer eine Verbindung dieser beiden Welten.

Siehe auch: Miloš Štědroň, Analytische Bemerkungen zur Kantate nach Texten von Thomas Bernhard und Andreas Gryphius von Lukas Haselböck, in: Roman Kopřiva und Jaroslav Kovář (Hg.), Kunst und Musik in der Literatur - Ästhetische Wechselbeziehungen in der österreischischen Literatur der Gegenwart, Wien: Praesens Verlag 2005, S. 159-162.

Entstehung: 2001
UA: 5.8.2001, Festwochen Gmunden, Konradkirche Oberwang
Interpreten: Elisabeth Kulman (Sopran), Bernd Lambauer (Tenor), Gerd Kenda (Bass), Arthur Krachler (Violine), Stefan Gartmayer (Violoncello), Helmut Windischbauer (Posaune), Lukas Schiske (Vibraphon), Gabriela Mossyrsch (Harfe), Annemaria Dragosits (Cembalo)