... jenes Licht ... nach Paul Celan und Nelly Sachs für Sprechstimme, Flöte, Englischhorn und Klavier

 

Grundlage von "jenes Licht" sind Briefe und Gedichte, die Nelly Sachs und Paul Celan einander im zeitlichen Umfeld ihrer Treffen in Zürich und Paris geschrieben haben. Aus diesen Texten heraus verdichtet sich das Bild einer vielschichtigen und berührenden Freundschaft.

Im Mittelpunkt des Stücks steht der gesprochene Text, der nicht rhythmisiert notiert ist, sondern metrisch frei in die klangliche Umgebung eingefügt ist. Der intensive Sprachduktus der großen Schauspielerin Andrea Eckert hat einiges zum Resultat beigetragen. Klavier, Flöte und Englischhorn werden über weite Strecken behutsam eingesetzt, ihre Parts sind von vielen Pausen durchsetzt. Das Hinterfragen all dessen, was das Menschsein ausmacht („Was gilt?“) und die Tendenz zum Schweigen, die sich bei Sachs und Celan immer wieder intensiv mitteilt, werden musikalisch umgesetzt, indem einzelne Passagen im Wesentlichen zwar gleichbleiben, zugleich aber „ausgefiltert“ werden: Klang wird sozusagen in Richtung Schweigen ausgedünnt. Zuweilen entstehen Verdichtungspunkte oder Dialoge (z.B. zwischen Flöte und Englischhorn – hier wird auf Rede und Widerrede angespielt). Zumeist ist das Schweigen – oder geräuschhafte Ereignisse am Rande des Schweigens (wie z.B. das tonlose Berühren der Klaviertasten) – aber ebenso bedeutsam wie ihr Erklingen. Manchmal müssen wir schweigen, weil es keine Worte und auch keine Klänge mehr gibt. Aber vielleicht ist die Stille der großartigste Klang, über den wir Musiker verfügen.

 

Entstehung: 2005/06
UA: 4.12.2006, Musikverein Wien, Gläserner Saal
InterpretInnen: Andrea Eckert (Sprecherin), Sonja Korak (Flöte), Heri Choi (Englischhorn), Christopher Hinterhuber (Klavier)

 

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Nelly Sachs und Paul Celan
(Lukas Haselböck)

Welches der Worte du sprichst -/ du dankst/ dem Verderben (Paul Celan). In diesen Worten klingt jene Erschütterung an, die das Schaffen von Nelly Sachs und Paul Celan zutiefst geprägt hat. Dennoch fanden beide zu ihrer persönlichen Sprache und schrieben Gedichte, die zu den eindrucksvollsten künstlerischen Zeugnissen des vergangenen Jahrhunderts zählen.

Leonie (Nelly) Sachs wurde 1891 in Berlin-Schöneberg geboren und wuchs in einer kultivierten jüdisch-großbürgerlichen Atmosphäre auf. Erste Gedichte schrieb sie mit 17 Jahren. Ende der zwanziger Jahre wurden ihre Gedichte erstmals in Zeitungen gedruckt. Nachdem ihr Vater 1930 gestorben war, lebten Sachs und ihre Mutter zurückgezogen in Berlin. Wiederholt wurden sie zu Gestapo-Verhören bestellt, die Wohnung wurde von SA-Leuten geplündert. Erst 1940 konnten sie im letzten Moment – der Befehl für den Abtransport in ein Lager war bereits eingetroffen – Deutschland verlassen. In Stockholm begann Nelly Sachs Schwedisch zu lernen und zeitgenössische Lyrik ins Deutsche zu übersetzen. Ihre eigene Dichtkunst entwickelte sich zu einer intensiven, ausdrucksvollen, die jüdischen Wurzeln reflektierenden Sprache, die schließlich gegen Ende der fünfziger Jahre auch im deutschsprachigen Raum rezipiert wurde. Sachs wollte aber nicht zurück nach Deutschland: Zu groß war immer noch die Angst, die sich zu Anzeichen einer psychischen Krankheit verdichtete. Nachdem sie 1960 zur Verleihung des Meersburger Droste-Preises das erste Mal seit 20 Jahren Deutschland besucht hatte, erlitt sie nach ihrer Rückkehr einen Nervenzusammenbruch. Insgesamt verbrachte sie drei Jahre in einer Nervenheilanstalt. Ihre Gedichte fanden jedoch immer mehr Zustimmung: An ihrem 75. Geburtstag, am 10. Dezember 1966, also fast genau vor 40 Jahren, erhielt Sachs den Literaturnobelpreis. Gerade in jener Zeit zog sich zunehmend von der Öffentlichkeit zurück. Zu dem psychischen Leiden kam eine Krebserkrankung, an der sie 1970 in Stockholm starb.

Paul Celan (urspr. Paul Antschel) wurde 1920 in einer deutschsprachig-jüdischen Familie in Czernowitz geboren und zeigte früh dichterische Interessen. 1938 begann er in Frankreich ein Medizinstudium, kam dort mit der surrealistischen Poesie in Kontakt, kehrte aber nach Czernowitz zurück, um Romanistik zu studieren. 1941 wurde die Stadt von deutschen und rumänischen Truppen besetzt, die ein jüdisches Ghetto einrichteten; die Eltern wurden 1942 deportiert und starben noch im selben Jahr. Celan selbst war bis 1944 in einem Arbeitslager, konnte danach aber sein Studium wieder aufnehmen und arbeitete in Bukarest als Lektor und Übersetzer. Nach einer Zwischenstation in Wien, wo es zu einer lang nachwirkenden Begegnung mit Ingeborg Bachmann kam, ging Celan nach Paris, wo er ab 1959 als Lektor für deutsche Sprache wirkte. In jener Zeit entstanden neben bedeutenden Übersetzungen (z.B. von russischer Poesie) seine bekanntesten Gedichte, die inhaltlich durch das Trauma von Verfolgung und Verlust geprägt sind. Celans berühmte Meridian-Rede thematisiert dies ausdrücklich in der Chiffre vom „20. Jänner“. Die Frage Theodor W. Adornos, ob Lyrik nach Auschwitz noch legitim sein könne, hat Celan durch seine Gedichte beantwortet. Dass er sich als Nazi-Opfer jedoch ausgerechnet für die Sprache der (deutschen) Mörder entschied, erscheint zunächst als Paradox. Dennoch: Gerade in dieser Sprache gelingt es ihm, nicht nur Aspekte deutscher Tradition „engzuführen“, sondern auch den Assoziationsraum der europäischen Moderne und die (ost-) jüdische bzw. hebräische Überlieferung anklingen zu lassen. 1970 wählte Celan in Paris den Freitod (im gleichen Jahr starb Nelly Sachs).

Dass Sachs und Celan zu einer künstlerischen und menschlichen „Seelenverwandtschaft“ fanden, resultierte nicht nur aus einer inneren, sondern auch aus einer äußeren Übereinstimmung. Wie der Jude Celan war auch Sachs Jüdin deutscher Sprache und lebte heimatlos im Exil. In diesem Klima des Unverstandenseins und der Ablehnung bestärkten sich die beiden in ihren Überzeugungen. Bezeichnend für die Nähe beider Dichter ist ein Brief Celans vom 7. Mai 1960, in dem er ein vollständiges Gedicht von Nelly Sachs mit den Worten zitiert: Von diesem Gedicht her kenne ich sie. [...] Da fand ich Sie. Da fand ich Sie, Nelly Sachs.

Die Korrespondenz zwischen Sachs und Celan setzte 1954 ein und dauerte bis 1970 an, wobei die intensivste Zeit dieses brieflichen Austausches vom Ende der fünfziger bis Anfang der sechziger Jahre reichte. 1960 kam es zu zwei persönlichen Treffen: 25. - 27. Mai in Zürich und wenige Wochen später vom 13. - 17. Juni in Paris. Ein drittes Treffen in Stockholm im September scheiterte am seelischen Zustand von Nelly Sachs.

Sowohl für Celan als auch für Sachs beinhaltete der Briefwechsel positive und negative Aspekte: Auf der einen Seite bedeutete er eine produktive Anregung. Auf Grund der Konfrontation mit den Ansichten des jeweils anderen wurden Sachs und Celan stärker mit ihrem Judentum konfrontiert als je zuvor. Angesichts des offenen Antisemitismus, dem die beiden ausgesetzt waren, barg die intensive Korrespondenz jedoch andererseits die Gefahr eines gegenseitigen „Hochlizitierens“ von Verfolgungsängsten, in die sich insbesondere Nelly Sachs immer tiefer verstrickte. In dieser Situation suchte Celan Zuversicht zu vermitteln. Fast beschwörend schrieb er ihr am 28. Juli 1960: Es geht Dir besser - ich weiß. Ich weiß es, weil ich spür, daß das Böse, das Dich heimsucht - das auch mich heimsucht -, wieder fort ist, ins Wesenlose zurückgewichen, in das es gehört; weil ich spür und weiß, daß es nie wiederkommen kann, daß es sich aufgelöst hat in ein kleines Häuflein Nichts. So, jetzt bist Du frei, ein für allemal. Und - wenn Du mir diesen Gedanken erlaubst - ich mit Dir, wir alle mit Dir.

Nach dem Stockholm-Besuch Celans ebbte die intensivste Phase des brieflichen Austausches langsam ab. Die Beziehung wird rätselhaft, undurchschaubar und endet im Schweigen. Ein Ausschnitt aus einem Gedicht von Nelly Sachs thematisiert diese langsame Auflösung:

[...] und dann mein Du
das man gefangen hielt
und das zu retten ich erkoren war
und das in Rätseln ich weiter verlor
bis hartes Schweigen sich auf Schweigen senkte
und eine Liebe ihren Sarg bekam.

Sachs, Celan und die Musik

Angesichts dieses drohenden Verstummens – im Bemühen, die Sprache angesichts des Dunkels hindurchgehen zu lassen durch ihre eigenen Antwortlosigkeiten, hindurchgehen durch furchtbares Verstummen, hindurchgehen durch die tausend Finsternisse todbringender Rede (Celan, Meridianrede) – bedeutete die Musik für Sachs und Celan immer wieder einen letzten Rettungsanker. Warum aber sind Dichter von Musik fasziniert, warum genügt ihnen nicht das Wort allein? In Ingeborg Bachmanns Roman Malina fragt der Geliebte der Erzählerin: Warum müssen die Dichter immer vom Tod sprechen; warum können sie nicht ein Exsultate, jubilate geben, damit man vor Freude aus der Haut fahren kann?Als 16-Jähriger schrieb Mozart die Motette Exsultate, jubilate – für Celan ein unerreichbares Leitbild, das er in seinem Schaffen nur in Bruchstücken rekonstruieren konnte. So wird die Musik Mozarts in Celans Gedicht Anabasis aus der Sammlung Die Niemandsrose gleichsam aus der Ferne zum Klingen gebracht. Im ersten Teil dieses Gedichts wird ein Weg beschritten: zwischen schmalen Mauern, aufs unbefahrene Meer. Zeitlosigkeit, Unendliches, Ewiges tut sich auf: Musik. Sichtbares und Hörbares umgibt uns: Leuchtglockentöne. Aus einzelnen, zaghaften Silben – dum-, dun-, un-, – entsteht ein Zitat aus Exsultate, jubilate: Unde suspirat cor, das seufzende Herz, das in Mozarts Motette die Betrübten tröstet. Suspirare (Seufzen) kann auch bedeuten: durch Unterstützung aus der Tiefe neuen Atem gewinnen. Dazu ringt sich Celan am Ende durch: „Sichtbares, Hörbares, das frei-werdende Zeltwort: Mitsammen.“ Hier scheint es sich erneut zu bewahrheiten: Wo die Sprache verstummen muss, beginnt die Musik.

Anabasis

Dieses
schmal zwischen Mauern geschriebne
unwegsam-wahre
Hinauf und Zurück
in die herzhelle Zukunft.

Dort.

Silben-
mole, meer-
farben, weit
ins Unbefahrne hinaus.

Dann:
Bojen-,
Kummerbojen-Spalier
mit den
sekundenschön hüpfenden
Atemreflexen -: Leucht-
glockentöne (dum-,
dun-, un-,
unde suspirat
cor),
aus-
gelöst, ein-
gelöst, unser.

Sichtbares, Hörbares, das
frei-
werdende Zeltwort:

Mitsammen.