vor dem verschwinden. Erstfassung

für Bassstimme, Sopransaxophon und Klavier

 

Als ich Andrea Heusers Gedichte "vor dem verschwinden" 2009 kennenlernte, war ich von gleichermaßen vom musikalischen Sprachrhythmus wie auch von der konstruktiven Kraft dieser Texte beeindruckt. Im Gegensatz zu den Gedichten Rilkes oder Trakls, die mich dazu brachten, nostalgisch der musikalischen Welt der Jahrhundertwende nachzuspüren, sind die Gedichte Heusers zu Beginn des 21. Jahrhunderts entstanden. Sie regten mich zu Überlegungen an, welcher Tonfall diesen Gedichten adäquat sein könnte und welche Entwicklungsschritte ich in meinem Komponieren vollziehen könnte, um einem solchen Tonfall gerecht zu werden. Dies hat nichts mit einem Gegensatz zwischen "progressivem" und "konservativem" Komponieren zu tun: Die Gedichte Heusers führten mich ohne konzeptuelle Vorüberlegungen auf direktem Weg zu einer Art des Komponierens, wie ich sie zuvor nicht praktiziert hatte.

Zu Beginn wird das In-das-Gras-Werfen, das bei mir Erinnerungen an eine glückliche Kindheit auslöste, durch einen virtuosen Sprechgesang umgesetzt. In den eher sparsam eingesetzten Instrumenten steigert sich die pp-Geräuschhaftigkeit des Beginns bis hin zu den klanglichen Ausbrüchen des Schlusses. Dieser klangliche Ansatz wird im fragend-anklagenden Tonfall des 3. Liedes fragmentiert. Hier wird der Text in einzelne Silben aufgespaltet. Innerhalb des Zyklus dominiert also die Entwicklung hin zur Skepsis. Dies gilt auch für das Verhältnis zwischen den für Stimme solo gesetzten Liedern 2 und 4: Die lyrische Gesangslinie des zweiten Liedes ("glauben") wird im pointillistischen vierten Lied ("drehen") aufgebrochen und fragmentiert. Sie endet in einer offenen Spiralbewegung. Nach dem schockierenden Ende des zweiten Liedes ("zeitgebreitet über den gleisen") schien mir kein anderer Abschluss möglich - das Ende muss letztlich offen bleiben.

Für weitere Informationen siehe www.lyrikline.org

Entstehung: 2009
UA
: 29.1.2010, Alte Schmiede Wien (Konzert der ÖGZM)
Interpreten
: Lukas Haselböck (Bass); Markus Holzer (Saxophon); Gernot Schedlberger (Klavier)

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