vor dem verschwinden II für Sopran, (Bass-)Flöte, (Bass-)Klarinette, Violine und Violoncello

 

Nach dem Bass-Solo-Stück vor dem verschwinden ist vor dem verschwinden II meine zweite Auseinandersetzung mit der Lyrik von Andrea Heuser. In beiden Zyklen versuchte ich, die zwischen klanglicher Taktilität und formaler Konstruktivität changierende Sprache Heusers in Musik umzusetzen. Die Unterschiede liegen dabei nicht nur in der Besetzung (Sopran + 4 Instrumente), sondern auch in einer unterschiedlichen, ja zum Teil sogar konträren Annäherung an die (in Satz 1–3) gleichen Texte.

Anknüpfungspunkt ist zunächst das Gedicht WERFEN, dessen spielerisch-virtuose Leichtigkeit unmittelbar aus dem Solostück in das Ensemblestück eingeflossen ist. Hier wird die Leichtigkeit und Luftigkeit vorgestellt, die in den Sätzen 1, 3 und 5 in unterschiedlichen Nuancen die Grundfarbe bildet. In den Sätzen 2 und 4 (auch 5) finden sich aber auch nachdenkliche Töne. Dabei kontrastiert der suchende Grundduktus in TIEFER FLIEGEN zur virtuosen Vertonung des gleichen Gedichts im Bass-Solostück, und das Bild des „gärenden Marks“ führt im vierten Satz (GEHEN) zu einem gewalttätigen Ausbruch aus dem bereits zu Satzbeginn unstet schwankenden Schrittrhythmus, der schließlich am Ende gleichsam einfriert („fest im Blick“). Anders als im Bass-Solostück wird das Gedicht FLIESSEN nicht als virtuose Ton- und Klangkaskaden, sondern als geräuschhaft-pulsierendes Rhythmusgewebe umgesetzt. Am Ende des 5. Satzes (STEHEN) folgt ein Epilog der Bassflöte, in dem sich die suchende Melodie des Soprans (aus Satz 3) in ein Spiel von Licht und Schatten auflöst.

 

Entstehung: 2012/13

UA: 12.6.2013, Musikverein Wien, Konzert der ÖGZM

InterpretInnen: Ensemble Platypus; Kaoko Amano, Sopran; Jaime Wolfson, Dirigent

 

Texte:

aus: Andrea Heuser, vor dem verschwinden. Gedichte, Onomato-Verlag Düsseldorf 2008

 

WERFEN in die wiese sich kopf über, und

beine stengeln, die stengel stutzen, blätter und blumen

bauschiges niedermähen, geiles gras grapschen, gras, und

ganz und gar rollig sein, blütenbauch und busengekitzel

käfern sich rückenwärts, erdig, erde, in erde, und

kleesüsse, vogeldreck, sonnengeflecktes, schmetterlingsschlag

wimpern, schlieren, schnecken, kot, und

ameisen, alles, alles befühlern, betasten, krabbelnd bepicken

beschnuppern, bespuren, blumen, und

wind werden, sporen, motten, hummeln, flügel, vögel, alles

alles sei halswärts, sei himmel-, WERFEN, sich werfen, und

 

TIEFER FLIEGEN und wie wiedergefunden so

zart, so überhängend, unter ihrem üppigen geäst

tiefer, fliedrig zittert die haut auf, ausströmen

im innersten gehölz, die hellen, die dunkleren töne

blätter, die blattrücken fluten und bis zum äußersten –

die blattspitzen, berührungen, in die berührungen gehen, so

suchend, gesucht

 

FLIESSEN, blassgrün, nach verbotenem

riechen, schnuppern nach spuren von etwas, das –

kiesel, gekieseltes greifen, fingern an rundungen

rutschen von der glitschigen böschung

kaltes, metallenes nasses umschließen, umschlossen werden

himmelwärts halsen das blau, das, sich verströmend, durchströmt

trunken trudeln, so tief wie möglich verschwinden

im murmeln, im glucksenden

 

GEHEN. zwei kehren um einen

hang voller obstbäume hinauf

gehen entlang derer, deren äste

gerade abgesägt, gären im mark

auch die bank, ihr panorama

fest im blick

 

STEHEN. dort stand dieser baum, der

so blickbehangen, stetig an blattwuchs verlor

war es der wind, der ihn so bewegte

oder gab er nicht dem wind ein gesicht

im beben der zweige, im blick?