... mei schdimm en da nocht ... nach H.C. Artmann für Mezzosopran und Orgel


Nach do reit me a koischwoazza kefa für Bassstimme, drei tiefe Blasinstrumente und Zuspielband ist Mei schdimm en da nocht ist mein zweiter Versuch der Annäherung an die Lyrik H.C. Artmanns.

An Artmann fasziniert mich seine Vielseitigkeit: Einerseits vermitteln seine Mundartgedichte eine einzigartige Atmosphäre, andererseits sind sie konstruktiv – zum Teil sogar experimentell – angelegt. Dieser Reichtum an Perspektiven macht sich auch im Charakterlichen bemerkbar: Jenes Schmerzhaft-Depressive, das den Wienern vertraut ist, steht in Artmanns Lyrik nicht für sich, sondern wird durchdrungen von dessen unverwechselbarem Humor. Atmosphärischer Klang, vielschichtige Konstruktion, humorvoll gefärbte Schwermut: Eine solche Verbindung ist auch für Musiker interessant.

Die Orgel hält für Komponisten spezifische Herausforderungen bereit. Da jede Orgel anders ist, muss die exakte Klangvorstellung, die viele Komponisten haben, von Aufführung zu Aufführung modifiziert und den jeweiligen Gegebenheiten angepasst werden. An die Stelle einer nuancierten Arbeit am Klang tritt daher eine breiter angelegte Konzeption, die dem Interpreten mehr Entscheidungsfreiheit lässt. Dies bringt aber nicht zwangsläufig einen Verlust an Gestaltungsmitteln mit sich, ist doch der klangliche Nuancenreichtum nur einer jener Aspekte, die im Kompositionsprozess relevant sind. Der Komponist kann seine Aufmerksamkeit auch der formalen Durchgestaltung und Balance der Proportionen widmen, die für die Wahrnehmung von entscheidender Bedeutung sind.

Eben diesen Ansatz habe ich in … mei schdimm en da nocht … gewählt. Dabei basieren die Proportionen des Ganzen insbesondere auf dem Kontrast zwischen Aktivität und erwartungsvoller Leere bzw. Stille, der sich insbesondere gegen Schluss hin zuspitzt: hosd as ned kead, mei schdimm en da nocht. Das lyrische Ich dieser Zeilen lauscht auf jene Stimme, die spannungsvoll erwartet und innerlich vorausgehört wird, aber nicht real erklingt. Diese Atmosphäre des Wartens ist für die Schlussphase signifikant. Zu dieser Erforschung des Inneren, die im ersten und dritten Lied betrieben wird, kontrastiert die motorische Bewegtheit des zweiten Liedes, das zudem durch das Zitat eines Wienerliedes („Wia si da Weana n’Himmel vurstelt“) ein eigenes Kolorit erhält. 

 

Entstehung: April 2012

UA: 11.4.2013, Radiokulturhaus Wien

Interpreten: Agnes Palmisano, Mezzosopran; Wolfgang Kogert, Orgel

 

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1. Lied: Video auf youtube

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