Yunan und Duban

Bei der Komposition einer Oper – egal, ob es sich um ein abendfüllendes Werk oder um eine Kurzoper handelt – geht es wohl primär darum, eine Geschichte auf möglichst nachvollziehbare und spannende Weise zu erzählen: Aus plastischen Elementen soll Leben entstehen, eine Welt gebaut werden. Diese Einfachheit und Einprägsamkeit schließt aber nicht das Wesen des In-der-Welt-Seins aus: Wie im Leben, so begegnet uns auch in der Oper ein unentwirrbares Ineinander-Verflochten-Sein menschlicher Schicksale, das seinen Widerpart in musikalischer Komplexität findet. Durch die Addition und Interaktion einfacher Ausgangselemente kann ein wahres Dickicht von Gefühlszuständen, Vorahnungen und Reminiszenzen entstehen. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Einfachheit und Vielschichtigkeit der Darstellung gilt es produktiv zu nutzen.

In Yunan und Duban ermöglicht bereits die Instrumentalbesetzung eine reiche Palette an gegensätzlichen Stimmungen. Plastisch geformte Kontraste sind aber auch durch unterschiedliche Formen und Strukturen bedingt. So wird zum Beispiel die Anfangsszene in mechanistischer Strenge realisiert, als unerbittlicher Ablauf, der das schicksalshafte Leiden des Königs Yunan versinnbildlicht. Zu dieser strukturgebundenen Passivität kontrastiert die souveräne Aktivität des Arztes Duban. Sein medizinischer Diskurs über die Geheimnisse des menschlichen Körpers wird in einer traditionell „gelehrten“ Form – einer Passacaglia, die den Quintenzirkel durchschreitet und sich dabei variativ steigert – in Musik gesetzt (dabei hatte ich wohl den Doktor in Alban Bergs Wozzeck im Hinterkopf – dies wird mir aber beim Schreiben dieses Textes eben erst bewusst). Im Gegensatz dazu werden in wichtigen Momenten oder an Wendepunkten des Geschehens vokale Solopassagen als erratische Blöcke ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt.

All diese Elemente sind durch vielschichtige Korrespondenzen miteinander verknüpft. Insgesamt entsteht demnach durch lineare Prozesse und Kontraste, durch Ver- und Entflechtungen ein Ablauf, der die widerstreitenden Gefühle der Protagonisten – Leiden und Heilung, Treue, Eifersucht und Verrat, Leben und Tod – widerspiegelt. Im Leben träfe uns all dies als bitterer Ernst des Faktischen, in der Kunst bleibt es die Virtuosität des Möglichen: ein Spiel. Doch ließe sich hier zu Recht einwenden: Vielleicht haben Yunan und Duban tatsächlich existiert. Ist dies das Protokoll einer wahren Geschichte? Leben und Kunst: Wo ist die Grenze?

 

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König Yunan und der Arzt Duban

Kristine Tornquist nach 1001 Nacht[1]

(22 min.)


König Yunan

Arzt Duban

Wesir

Ärzte, Hofleute, Soldaten (stumm)


1. kein Vorspiel, 2min

Yunan tritt, von den Ärzten verfolgt, z.B. aus dem Orchester oder von dahinter klagend auf, für die Szene brauche ich kein Vorspiel. Währenddessen zieht der Wesir bereits aus einer anderen Richtung Duban zum König, so dass die anschließende Szene attacca funktioniert.

Yunan, König der Stadt Fars im Lande Suman, besitzt zwar großen Reichtum, gewaltige Heere und hohes Ansehen, doch sein Körper ist von einem Aussatz befallen, den niemand heilen kann. Inmitten der Ärzte ist doch alle Hoffnung verloren.

Yunan: Was nützt mir mein seidenes Kleid,

wenn es meine wunde Haut nicht bedecken kann.

Was nützen mir die schönen Frauen,

wenn sie mich fürchten wie ein schlimmes Gift.

Was nützt mir die Pracht meines Schlosses,

wenn ich selbst darin aller Schönheit Ende bin.

Was nützt mir der helle Silbermond,

wenn ich selbst der Schatten seines Lichtes bin.

Was nützt mir mein weites Land,

die bunten Städte, duftenden Gärten, die Flüsse und Schiffe,

die offenen Wege mit Freuden und Schätzen,

wenn ich in meiner kranken Haut gefangen bin.

Gereizt scheucht er die Ärzte, die um ihn beschäftigt sind, fort.

Yunan: Und was nützen mir Ärzte, die nicht heilen können.

Bittere Suppen, trockene Pulver,

brennende Pasten, stinkende Salben,

alles umsonst.

 

2. 1 min

Der Wesir eilt herbei, er bringt seinem König eine gute Nachricht.

Wesir: König der Zeit,

man hat mir gesagt und ich habe gehört,

ich habe gesucht und ich habe gefunden,

und bringe dir nun diesen weisen Arzt,

der im fernen Indien seine Kunst erlernte.

König: Noch ein Arzt…

Wesir: Wenn es nicht gelingt,

kann es doch nicht schaden.

Duban tritt an den König heran und untersucht ihn.

Der Untersuchung müsste man schon etwa 20sec Zeit geben!

Duban: König der Zeit,

Wesir der weisen Ratschläge,

lasst mich nachdenken.

Duban zieht sich zurück und bereitet die Behandlung vor.

 

3. 2 min

Duban: Im Menschen sind dreihundertsechzig Adern,

zweihundertvierzig Knochen und drei Seelen.

Drei Kammern sind dafür im Kopf des Menschen

darin Verstand, Phantasie und Gedankenkraft,

die Imagination und das Gedächtnis wohnen.

Sieben Türen sind für den Kopf geschaffen,

und noch drei weitere im Leib.[2]

Doch ich weiß noch Türen zu öffnen,

die keiner kennt und keiner sieht.

Am Morgen legt er sein kostbarstes Kleid an und macht sich auf den Weg zum König.

 

4. 1:30min

Duban verneigt sich vor dem König.

Duban: König der Zeit,

ich werde dich ohne Salbe und Pulver heilen.

Yunan: Mich ohne Salbe und Pulver heilen?

Mich heilen.

Der Hoffnungslose schöpft Hoffnung.

Yunan: Heile mich.

Ich gebe mein halbes Königreich und mehr

für ein Leben in einer gesunden Haut.

Duban: Ich höre und gehorche.

Duban reicht dem König einen Schläger.

Duban: Geh auf den Platz der Spiele, besteige dein Pferd

und spiele mit diesem Schläger das Puluspiel,[3]

bis du vom Schweiß der Anstrengung nass bist.

Dann kehre zurück in deinen Palast,

wasche dich und ruhe dich aus.

Yunan: Sonst nichts?

Duban: Sonst nichts.


5. 4min

Duban geht zurück in sein Gasthaus. König Yunan tut alles wie empfohlen. Er spielt Polo mit seinen Hofherren und Wesiren, er lässt sich den Schweiß abwaschen und legt sich zur Ruhe. Und tatsächlich: als er sich wieder erhebt, ist er gesund, seine Haut glatt und hell wie poliertes Silber.

Duban kommt zur Visite. Er kniet wie alle anderen vor dem König nieder. Yunan heißt ihn aufstehen und fällt ihm um den Hals.


6. 2min

Yunan: Schau, was du vollbracht hast.

Meine Haut ist wie Silber, glatt wie Perlen,

rein wie das Licht, das durch Kristalle fällt,

weich wie Seide aus China,

sie duftet wie Ambra und Moschus.

Ich danke dir, mein Freund, mein Bruder.

Was mein ist, ist auch dein.

Du sollst neben mir sitzen

und der Gefährte meiner Tage sein,

das ist nichts als gerecht.

Duban: Verteile das Glück auf mir, wie es dir gefällt,

König der Zeit, Perle des Tages und der Stunde.

Der König lässt Duban ein goldenes Ehrenkleid anlegen und ihn mit Gold und Edelsteinen überhäufen.

Wesir: (für sich) (Sein steigender ist mein sinkender Stern

und sein Glück wird meines kosten.)

Er wird an des glücklichen Königs Seite sitzen,

der im Unglück von meinem Trost trank,

ihm wird der gesunde König sein Ohr leihen,

nachdem ich des kranken Königs Klagen

über lange Jahre geduldig anhörte,

das Glück des Königs wird ihm leuchten

wie sein Unglück mich beschattet hat.

Das ist nicht gerecht.


7. 3min

Nachdem Duban sich zurückgezogen hat, tritt der Wesir vor König Yunan.

Wesir: Mächtiger König des Zeitalters,

du dürftest mich Bastard nennen,

würde ich dir meinen Rat verweigern.

Yunan: Rate mir also, Wesir der weisen Ratschläge.

Wesir: Ich fürchte um das Leben meines Königs.

Yunan: Um mein Leben?

Wesir: Um das Leben und das Erbe meines Königs.

Kannst du neben dir einen Mann dulden,

der stärker ist als du?

Yunan: Stärker als ich?

Wesir: Weise ist nicht, der neben dem Löwen sitzt,

sondern der den Löwen tötet,

König der Zeit.

Der König denkt nach.

Yunan: Wesir der weisen Ratschläge,

du hast recht.

Und auch wenn es ein Irrtum wär, kann es nicht schaden.

Denn ich bin geheilt und brauche keinen Arzt mehr.

Bringt den Arzt Duban her.

 

8. 2:30min

Die Wachen springen. Der Arzt wird vor den Thron gebracht.

Yunan: Schlagt diesem Verräter den Kopf ab.

Die Wachen heben die Schwerter. Duban sinkt zu Boden.

Duban: Das ist der Lohn des Krokodils.

Schone mich, König der Zeit, Perle des Tages und der Stunde.

Die Wachen lassen die Schwerter wieder sinken.

Yunan: Es hilft nichts, du musst sterben.

Die Wachen heben die Schwerter.

Duban: Dann lass mir noch Zeit,

mein Begräbnis anzuordnen.

Die Wachen lassen die Schwerter wieder sinken. Man lässt ihn gehen, eine Bewachung folgt ihm bis zu seinem Haus. Wieder sieht man ihn grübeln und in seinem Labor arbeiten.

Duban muss zu seinem Labor eilen und das Buch präparieren. Dafür braucht er etwa 30-40sec.

Duban: Meine Ehrlichkeit bringt mir den Tod.

Mögen die Unehrlichen ihr Glück nicht genießen.


9. 3 min

Am nächsten Tag tritt er vor den König und seinen Wesir. Er legt ein Buch und eine Schüssel vor den Thron.

Duban. Hier bin ich, zum Sterben bereit.

Wenn mein Kopf gefallen ist,

wird mein Kopf noch zu euch sprechen

und erklären, was ihr hierin lesen könnt.

Denn dieses Buch nimm als mein Erbe an,

damit du weißt,

was ich konnte und wusste,

bevor ich sterben musste.

Dieser Gedanke gefällt nicht nur dem König, sondern auch dem Wesir.

Yunan: Alles wissen, was du wusstest...

Wesir: Alles wissen, was er wusste...

Yunan: Schlagt ihm also schnell den Kopf ab.

Die Wachen heben die Schwerter, warten kurz ab, ob sich nicht der Wind wieder dreht, und schlagen dann mit einem Hieb Duban den Kopf ab. Ein Wächter nimmt ihn an den Haaren und stellt ihn in die Schüssel. Dubans Kopf öffnet die Augen und spricht.

Duban: Öffne das Buch, König der Zeit.

Der Wesir reicht es ihm, der König öffnet es.

Yunan: Kopf des Duban, hier steht nichts geschrieben.

Duban: Blättert weiter, König der Zeit und Wesir der weisen Ratschläge.

Wesir und König blättern weiter.

Yunan: Wieder steht nichts geschrieben.

Wesir: Auch hier nichts.

Yunan: Die Seiten sind leer.

Duban: Blättert nur weiter.

Yunan: Hier nichts.

Wesir: Auch nichts.

Yunan: Gar nichts.

Wesir: Nichts.

Endlich kommen sie zu einer Seite, auf der in goldenen Lettern etwas geschrieben steht.

Yunan: Aber hier, hier steht etwas geschrieben.

Duban: Lest vor, König der Zeit und Wesir der weisen Ratschläge.

Die beiden beginnen neugierig zu lesen.

Yunan: Sie herrschten ungerecht und herrschten lange Zeit,

Aber ihre Herrschaft geriet bald in Vergessenheit.

Wesir: Sie hätten für Gerechtigkeit auch Recht erfahren,

doch für Unrecht gewannen sie Unrecht zurück.

Beide greifen sich beim Lesen an den Hals, als würden sie gewürgt. Das Buch fällt ihnen aus den Händen und beide sinken unter großen Schmerzen zu Boden. Dubans Kopf spricht weiter.

Duban : … und so müsst ihr des Schicksals Stimme hören:

Das ist der Lohn. Ihr wendet das Schicksal nicht.

Die Seiten des Buches, die ihr berührt,

sind mit meinem stärksten Gift getränkt.

König Yunan und der Wesir sterben.

Die Wachen und Hofherren verneigen sich vor dem Kopf des Duban, der langsam seine Augen schließt.


Ende








[1] Die 4. Nacht nach Enno Littmanns Übersetzung der Kalkutta-Ausgabe, in Claudia Otts Übersetzung der Galland-Handschrift die 11. Nacht.

 

[2] Diese Verse sind ein kleiner Ausschnitt aus einer langen Passage über den menschlichen Körper und seine Geheimnisse, mit der die Sklavin Tawuddud die besten Ärzte und Wissenschafter übertrumpft – in der „Geschichte der Sklavin Tawuddud“, nach Enno Littmanns Übertragung der Kalkutta-Ausgabe die 449.Nacht.

 

[3] Polo wird in Indien etwa seit 3000 v.Chr. gespielt, unter dem tibetischen Namen Pulu oder Sagol Kangje. Nach Persien kam es um ca. 600 v. Chr, wurde einerseits als militärisches Training mit bis zu 100 Spielern gespielt, galt aber auch als Vergnügen der Kalifen und Könige. Mit dem Islam breitete es sich weiter aus. In Afghanistan existiert noch heute eine dem Polo entfernt verwandte Sportart, das Buzkashi.