"vor dem verschwinden" für Bassstimme solo

Zyklus nach Texten von Andrea Heuser

Als ich die Lyrik Andrea Heusers kennenlernte, war ich sogleich fasziniert. Das, was ich „begriffen“ zu haben glaubte, war die Taktilität ihrer Sprache. Wenn Heuser vom Fließen spricht, glaubt man sich hier und jetzt vom Wasser umgeben, man begreift tastend die nassen Kiesel, und wenn sie vom sich-in-die-Wiese-Werfen spricht ("WERFEN in die wiese sich kopf über"), spürt man die Grashalme um sich und die kindliche Freude am Erdigen, Blumigen, Verspielten („käfern sich rückenwärts“). Zugleich wird aber klar, dass dies keine naive Lyrik ist, keine Lyrik, die bloß abbildet und Stimmungen malt. Ohne Heuser dazu befragt zu haben, spürte ich (und ich bin mir sicher, dass die Vermutung zutrifft), dass ihre Lyrik auch von einer Konsequenz der Konstruktion geprägt ist.

Beide Aspekte, die Taktilität des Klanglichen und die Konstruktivität des Formalen, versuchte ich in meinem nach Heusers Lyrikband „vor dem verschwinden“ betitelten Zyklus für Stimme solo umzusetzen – insbesondere im Kernstück der Komposition, den in Steigerungsform angelegten Sätzen 2-4. Dort arbeite ich mit einer Vielzahl an Elementen (Vokaleffekten, Textbausteinen etc.), deren Auftreten innerhalb der Sätze streng geregelt ist (die Häufigkeit der Elemente nimmt zu bzw. ab). Durch die Virtuosität der Abfolge der Ereignisse glaubt man sich „im Klang“ – man wird näher an die Dinge herangerückt bzw. durch die Aktivität mitgerissen – Fliegen, Fließen, Werfen werden quasi hautnah miterlebt.

Der erste Satz dient als Hinführung und skizziert den Rahmen, in dem sich das Geschehen abspielen wird: Kindliches Erleben zwischen berührendem Empfinden und bedrohlicher Realität. Während der Schluss des ersten Satzes mit seinen Konsonanten ganz in das taktile Erleben eintaucht, stehen die Sätze 5, 6 und 7 eher im Zeichen des Hinterfragens – nach der Klimax des 4. Satzes formt der 5. Satz ein Fragezeichen („Krieg“), und der 6. Satz endet mit „was hast du gesehen?“ Der 7. und letzte Satz endet offen: „noch, noch einmal DREHEN, sich drehen, und ...“

Berührung und Nähe, vermittelt durch Natur: Können sie heute, auch im Medium konstruktiver Strategien, eine neue Präsenz entfalten? 

 

Zu diesem Zyklus existiert eine ursprüngliche viersätzige Fassung für Bassstimme, Sopransaxophon und Klavier, die am 29.1.2010 in der Alten Schmiede Wien in einem Konzert der ÖGZM uraufgeführt wurde, und aus dem Material in den neuen Zyklus für Stimme solo übernommen wurde.

 

Entstehung: 2010

UA: 14.6.2010, cercle - Konzertreihe für neue Musik 2/2010, Off-Theater, Kirchengasse 41, 1070 Wien

Interpret: Lukas Haselböck, Bass

 

Partitur als PDF-Download

Programm der UA als PDF-Download (inkl. Texte)