Kritiken zu den Kompositionen

Helmut Mauró, in: Süddeutsche Zeitung, Samstag, 8. September 2001: Die Gmundener Festwochen gedeihen im Schatten Salzburgs.

„Vom 5. Juli bis zum 12. September dehnt sich das Festival diesmal aus mit mehreren Veranstaltungen [...]. Diesmal waren es die Brüder Martin und Lukas Haselböck, die mit unkonventioneller geistlicher Musik aufwarteten, uraufgeführt von der Musica Nova Barockakademie unter Leitung des jungen Dirigenten Vladimir Symeonidis. Zuvor jedoch improvisierte der Wiener Schlagzeuger Lukas Schiske eine Art Meditation mit metallisch-sphärischen Klängen, die meisterlich in den Raum der kleinen dunklen Kirche komponiert waren. Aufhorchen ließ auch Lukas Haselböcks in diesem Jahr komponierte Kantate nach Texten von Thomas Bernhard und Andreas Gryphius. Drei Gesangssolisten und ein Ensemble aus Violine, Cello, Posaune, Harfe, Vibraphon und Cembalo verschmolzen am Ende zu einem punktiert rhythmisierten Choral, der die lange kirchliche Tradition dieser Musik in die Gegenwart führte. In unterschiedlichen Gruppierungen nützte Lukas Haselböck in den Abschnitten davor die Klangkombinationen von menschlicher Stimme und Instrumentarium, stark melodiebetont, dabei durchaus tonal gebunden. Er gehört zur jüngeren Komponistengeneration, die selbst vor Dreiklängen nicht zurückschrecken, wenn sie dem Komponisten geboten scheinen. Möglicherweise gelingt es dem Nachwuchs auf diese Weise, die Nische zwischen intellektueller Moderne und minimal music nachträglich etwas auszubauen. Das Publikum in Gmunden jedenfalls schien sich darin wohl zu fühlen.“

Gerhard Kramer, in: Die Presse, Samstag, 27. September 2003: Thomas Bernhards Religiosität: Wiener Neustadt sucht nach neuer geistlicher Musik.

„Zum vierten Mal beherbergte Wiener Neustadt heuer das kleine, aber ambitionierte Festival „Neu-Kloster-Musik“. Orgelmusik plus Lyrik, Rockmesse und Musical, Konzert und Diskussion - ein weit gefächertes Programm will die Möglichkeiten neuer geistlicher Musik in liturgischem und außer-liturgischem Rahmen erforschen. Zuletzt bot die 2002 prachtvoll renovierte Stiftskirche der Zisterzienser den Rahmen für das Abschlusskonzert unterm Titel „Zeitsprünge“, der sich als fruchtbar erwies: in der Gegenüberstellung von Alter und Neuer Musik, aber auch im Hauptwerk des Abends.

Lukas Haselböck (31), jüngster Spross der Musikerfamilie, hat in seiner 2001 bestandenen „Kantate nach Texten von Thomas Bernhard und Andreas Gryphius“ spannend die Zeitebenen der beiden Autoren ineinander verschränkt. Der Wortgewalt des schlesischen Barockdichters steht auf fast überraschende Weise die schlichte, berührende Religiosität der Texte gegenüber, die der 26-jährige Bernhard in seinem Gedichtband „In hora mortis“ 1958 veröffentlicht hat.

Haselböcks Vertonung erweist ihn als eminente kompositorische Begabung. Auch hier sind traditionelle Elemente - Kompositionstechniken wie Kanon oder Stimmkopplung - mit einer durchaus heutigen Tonsprache verknüpft, die ohne akademischen Rigorismus oder postmoderne Beliebigkeit von schöpferischer Erfindungsgabe gespeist wird. Mit fruchtbarer Klangfantasie formt Haselböck für jedes Stück des neunteiligen Zyklus aus dem kleinen Ensemble (darunter Vibrafon, Harfe, Cembalo) die rechte instrumentale Kombination; abwechslungsreich und stimmlich dankbar sind die drei Vokalsolisten eingesetzt.

Neben dem kultivierten Tenor Bernd Lambauers und dem profunden Bass Gerd Kendas begeisterte der leuchtend klare, perfekt geführte Sopran von Elisabeth Kulman. Mit ruhigem Schlag führte der kolumbianische Dirigent Andreas Orozco, Absolvent der Klasse Lajovic an der Musikuni, die jungen Musiker über alle rhythmischen Klippen der Partitur.

Das Vorangegangene war nur Vorbereitung gewesen: Kleine geistliche Konzerte des Frühbarock, ein kurzes Harfenfrühstück von Heinz Holliger und, von Haselböck für sein Ensemble bearbeitet, das Fragment einer Messe von Johannes Ockeghem (1425 bis 1495).“

Rainer Bonelli, in: Österreichische Musikzeitschrift, 59. Jg., 2/2004, S. 68–69:

„Lukas Haselböck (geb. 1972) ist eine sehr vielseitige Künstlerpersönlichkeit. Als Musikwissenschaftler hat er Publikationen herausgegeben und unterrichtet Analyse an der Wiener Musikuniversität. Seine Ausbildung als Komponist erhielt er bei Erich Urbanner. Darüberhinaus verfolgt er auch seit mehreren Jahren eine erfolgreiche Karriere als Sänger. Seine 13 Miniaturen nach Gedichten von Giuseppe Ungaretti für tiefe Stimme, Bassklarinette und Klavier setzen die knappen, Haiku-artigen Gedichte mit adäquaten musikalischen Mitteln um. Die prägnanten Stimmungen werden schnappschussartig eingefangen und wiedergegeben. Haselböck hat die Ungaretti-Texte in Originalsprache vertont, die genialen Bachmann-Übersetzungen aber dem Abendprogramm beigelegt. Im hochinteressanten Interview sprach der Komponist einerseits über das bewegte Leben Ungarettis, andererseits über sein eigenes kompositorisches Credo. Anschließend trug er sein eigenes Werk mit klangschönem Bariton höchst überzeugend vor, kongenial unterstützt von Reinhold Brunner (Bassklarinette) und Jaime Wolfson (Klavier).“

Claus Woschenko, in: Internetzeitung Die Tonkunst, 1. Juli 2005, Nr. 7, Jg. 3: Schulterschluss von Wiener Klassik und Neuer Musik. Das Triple Tongue Vienna zu Gast beim Lübecker Viceliner Frühling

„Die diesjährigen drei Konzerte des Viceliner Frühling – einer seit fünf Jahren bestehenden Kammermusikreihe der Katholischen Kirchengemeinde St. Vicelin in Lübeck – standen unter dem Motto „Österreich – Musik und Musiker aus dem Nachbarland“. Für das Abschlusskonzert am 26. Juni 2005 konnte Konrad Kata, Organist an St. Vicelin und Organisator der Veranstaltung, das Triple Tongue Vienna verpflichten. [...] Den Höhepunkt des Konzertes bildete die Uraufführung eines eigens für das Trio komponierten Werkes: Einstellungen für Oboe, Klarinette und Fagott von Lukas Haselböck. Der 1972 geborene Komponist, Sängerpädagoge und Musikwissenschaftler ist zurzeit Assistent am Institut für Analyse, Geschichte und Theorie der Musik der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Wien. Drei der sechs Sätze seiner Einstellungen widmen sich besonders jeweils einem Instrument. Hervorzuheben ist hierbei der fünfte Satz mit dem sprechenden Titel Egottist: Das Fagott emanzipiert sich gegenüber seinen Mitstreitern, wobei alle Möglichkeiten des Instruments in virtuoser Weise vorgeführt werden. Auch in Lukas Haselböcks Werk spielt das humoristische Element eine zentrale Rolle: Auf die drei zuvor angesprochenen Sätze folgen jeweils so genannte Promenaden. Assoziationen mit Mussorgsky sind hier durchaus nicht fehl am Platz, denn allerspätestens im letzten Satz sind die musikalischen Verbindungen zu den Bildern einer Ausstellung unüberhörbar. Auch dieses rhythmisch vertrackte und von den Ansprüchen an den einzelnen Instrumentalisten überaus schwierige Werk meisterte das Triple Tongue Vienna mit spielerischer Leichtigkeit. Das begeisterte Publikum bedankte sich für die CD-reifen Interpretationen mit standing ovations und entließ die Musiker erst nach der zweiten Zugabe.“

Katja Kramp, in: www.kulturwoche.at (Juni 2009), über Der Maler Brabanzio:

„Komponist Lukas Haselböck stand vor Beginn der Oper im Gespräch mit Musikwissenschaftler Erwin Barta noch Rede und Antwort. Den Reiz am Stück machten für ihn die Personenkonstellationen und die verschiedenen zeitlichen Ebenen aus. Der ständige Sprung zwischen Erinnerung und Gegenwart. Immer wieder stand beim Komponieren die Frage im Raum, ob man die Vergangenheit ins Jetzt holen kann. Da Haselböck selbst Gesang studierte, hat er beim Schreiben der Musik darauf geachtet, dass die Sänger keine unmöglichen Passagen zu singen haben. Das merkt man auch beim Zuhören, der Gesang ist sehr harmonisch und wohlklingend. Alles in allem war auch Teil 5 der 9-teiligen Opernreihe von sireneOperntheater in der Premiere am 19. Juni 2009 ein Genuss für Augen und Ohren.“

Heinz Rögl, in: www.musicaustria.at/index.php?q=musicaustria/neue-musik/stimme-und-klavier-lukas-haselboeck-und-kaori-nishii-mit-urauffuehrungen (Juni 2010), über vor dem verschwinden:

"Die am gestrigen Abend aufgeführten Werke neuer Vokalmusik für Bass (bzw. tiefe Stimme) und Klavier, auch für Stimme allein oder Klavier allein (als „Programm-Musik“ die einen kurzen Prosatext oder Bildende Kunst illustriert) waren enorm eindrucksvoll, zum Teil sehr gut. [...] „Anja Utler, geboren 1973, die als Slavistin und Stimmpädagogin die Tücken und Freuden der physischen Artikulation kennt, situiert ihre Gedichte in einer Sprache, die Kehle und Landschaft als „stimmschlund“ ununterscheidbar werden läßt.“ Schreibt etwa die FAZ über die Autorin; wir können das auch für Haselböcks Vortragskunst behaupten. [...] Stimmlich virtuos und ungemein vielschichtig interpretierte, sprach und sang Lukas Haselböck als weitere Uraufführung eine eigene Komposition: „vor dem verschwinden“, ein siebenteiliger Zyklus für Bassstimme solo nach Texten von Andrea Heuser, die 1972, also im selben Jahr wie er selbst geboren wurde. Nach dem guten Amann-Stück ein weiterer Höhepunkt des Abends."

Heinz Rögl, in: ÖMZ 67/3 (2012), S. 91:

"Doppelkonzerte in Uraufführungen: [...] Lukas Haselböck steuerte ein eindrucksvolles A due für Sopransaxophon, Fagott und zehn Instrumente bei. Zunächst kein "Konzert" im traditionellen Sinn, handelt es sich anfänglich um ein dichtes Geflecht der ineinander verschmolzenen Soli und der Ensemblestimmen, die wie Orgelregister in einem weiten Klangspektrum behandelt werden."

 

Siehe auch: Miloš Štědroň, Analytische Bemerkungen zur Kantate nach Texten von Thomas Bernhard und Andreas Gryphius von Lukas Haselböck, in: Roman Kopřiva und Jaroslav Kovář (Hg.), Kunst und Musik in der Literatur - Ästhetische Wechselbeziehungen in der österreischischen Literatur der Gegenwart, Wien: Praesens Verlag 2005, S. 159-162.