Texte

25 mai: Nelly Sachs, Zürich I, Hotel, Zum Storchen,
Das Gedicht: »Du ... mit dem Verlernen der
Welt Beschäftigte«
26 mai: 4 h Nelly Sachs, allein. »Ich bin ja gläubig«. Als
ich darauf sage, ich hoffte, bis zuletzt lästern
zu können: »Man weiß ja nicht, was gilt.«
27 mai: 10 h Nelly Sachs zum Bahnhof begleitet

Meine liebe Nelly, es war so gut Deinen Brief in Händen zu halten und von Dir selbst an das Licht erinnert zu werden, das in Zürich überm Wasser [...] aufschien. Einmal, in einem Gedicht, kam mir, über das Hebräische, auch ein Name dafür.


ZÜRICH ZUM STORCHEN

Für Nelly Sachs
Vom Zuviel war die Rede, vom
Zuwenig. Von Du
und Aber-Du, von
der Trübung durch Helles, von
Jüdischem, von
deinem Gott.

Da-
von.
Am Tag einer Himmelfahrt, das
Münster stand drüben, es kam
mit einigem Gold übers Wasser.

Von deinem Gott war die Rede, ich sprach
gegen ihn, ich
ließ das Herz, das ich hatte,
hoffen:
auf
sein höchstes, sein umröcheltes, sein
haderndes Wort -

Dein Aug sah mir zu, sah hinweg.
dein Mund
sprach sich dem Aug zu, ich hörte:

Wir
wissen ja nicht, weißt du,
wir
wissen ja nicht,
was
gilt ...


17 juin: Vormittag Nelly S. bei uns. Das Gedicht »Du mit dem Verlernen Beschäftigte«. Ihre Mutter: zehn Jahre hindurch jede Nacht Gespräch mit den Toten, dann am Morgen, Beruhigung.
2h 50 Nelly Sachs Abreise

„Weißt Du noch, wie, als wir ein zweites Mal von Gott sprachen, in unserm Haus, daß das Deine, das Dich erwartende ist, der goldene Schimmer auf der Wand stand? Von Dir, von Deiner Nähe her wird solches sichtbar, es bedarf Deiner, [...] laß uns [...] die Allerfreiesten sein, die Mit-Dir-im-Licht-Stehenden.“

 

SOVIEL GESTIRNE, die
man uns hinhält. Ich war,
als ich dich ansah - wann? -,
draußen bei
den andern Welten.

O diese Wege, galaktisch,
o diese Stunde, die uns
die Nächte herüberwog in
die Last unsrer Namen. Es ist,
ich weiß es, nicht wahr,
daß wir lebten, es ging
blind nur ein Atem zwischen
Dort und Nicht-da und Zuweilen,
kometenhaft schwirrte ein Aug
auf Erloschenens zu, in den Schluchten,
da, wo’s verglühte, stand
zitzenprächtig die Zeit,
an der schon empor- und hinab-
und hinwegwuchs, was
ist oder war oder sein wird -,

ich weiß,
ich weiß und du weißt, wir wußten,
wir wußten nicht, wir
waren ja da und nicht dort,
und zuweilen, wenn
nur das Nichts zwischen uns stand, fanden
wir ganz zueinander.

[...] und dann mein Du
das man gefangen hielt
und das zu retten ich erkoren war
und das in Rätseln ich weiter verlor
bis hartes Schweigen sich auf Schweigen senkte
und eine Liebe ihren Sarg bekam


DIE SCHLEUSE

Über aller dieser deiner
Trauer: kein
zweiter Himmel.
. . . . . . . . . . .

An einen Mund,
dem es ein Tausendwort war,
verlor -
verlor ich ein Wort,
das mir verblieben war:
Schwester.

An
die Vielgötterei
verlor ich ein Wort, das mich suchte:
Kaddisch.

Durch
die Schleuse mußt ich,
das Wort in die Salzflut zurück -
und hinaus- und hinüberzuretten:
Jiskor.


Wer weiß welche magischen Handlungen
sich in den unsichtbaren Räumen vollziehen?

Es gilt Paul es gilt
nur vielleicht anders als wir glauben Nelly


NAH, IM AORTENBOGEN,
im Hellblut:
das Hellwort.

Mutter Rahel
weint nicht mehr.
Rübergetragen
alles Geweinte.

Still, in den Kranzarterien,
unumschnürt:
Ziw, jenes Licht.

Paul, lieber Paul, Deine Gedichte atmen bei mir Tag und Nacht, sie teilen also mein Leben. [...] Wie oft bin ich im Geiste bei Euch, und dann das Gold über dem Wasser und in Deinem Zimmer.