Texte

Andreas Gryphius
Abend

DEr schnelle Tag ist hin / die Nacht schwingt ihre Fahn /
Und führt die Sternen auff. Der Menschen müde Scharen
Verlassen Feld und Werck / wo Thir und Vögel waren
Traurt itzt die Einsamkeit. Wie ist die Zeit verthan!
Der Port naht mehr und mehr sich zu der Glider Kahn.
Gleich wie diß Licht verfil / so wird in wenig Jahren
Ich / du / und was man hat / und was man siht / hinfahren.
Diß Leben kömmt mir vor als eine Renne-Bahn.
Laß höchster Gott / mich doch nicht auff dem Lauffplatz gleiten /
Laß mich nicht Ach / nicht Pracht / nicht Lust nicht Angst verleiten!
Dein ewig-heller Glantz sey vor und neben mir /
Laß / wenn der müde Leib entschläfft / die Seele wachen
Und wenn der letzte Tag wird mit mir Abend machen /
So reiß mich aus dem Thal der Finsternüß zu dir.

Thomas Bernhard
Unruhe

Wo bist Du Herr und wo
der Schlaf
und süßer Duft der Glieder
Honig
Laub
und Wind
vom Ölberg
Herr mein Gott
der mir den Mond beschreibt
um Mitternacht.
– – – – – – – –
Unruhe ist in den Gräsern
die Hütten sind von der Unruhe erfaßt
mich schlägt die Glocke Herr
mein Gott
wild sind die Tauben
unruhig ist auch der Mond
und seine Sichel die ins Fleisch mir stößt
Herr auch im Stall ist Unruh
und am Rand der Bäche
die den Schnee nicht fliehn
mein Gott auch Baum und Fisch
sind von der Unruhe erfaßt.

Andreas Gryphius
Das Letzte Gerichte

AUff Todten! auff! die Welt verkracht in letztem Brande!
Der Sternen Heer vergeht! der Mond ist dunckel-rott /
Die Sonn’ohn allen Schein! Auff / ihr die Grab und Kott
Auff! ihr die Erd und See und Hellen hilt zu Pfande!
Ihr die ihr lebt komm’t an: der HErr / der vor in Schande
Sich richten liß / erscheint / vor ihm laufft Flamm’ und Noth
Bey Ihm steht Majestätt / nach ihm / folgt Blitz und Tod /
Umb Ihn / mehr Cherubim als Sand an Pontus Strande.
Wie liblich spricht Er an / die seine Recht’ erkohren.
Wie schrecklich donnert Er / auff dise / die verlohren.
Unwiderrufflich Wort / kommt Freunde / Feinde fliht!
Der Himmel schleust sich auff! O GOtt! welch frölich scheiden;
Die Erden reist entzwey. Welch Weh / welch schrecklich Leiden.
Weh / Weh dem / der verdam’t: wol dem / der Jesum siht!

Thomas Bernhard
(aus: Korrektur)

Alles bis an die äußerste Grenze immer, davor schrecken wir nicht zurück, wie wir vor dem Tod nicht zurückschrecken. Eines Tages, in einem einzigen Augenblick, durchstoßen wir die äußerste Grenze, aber der Zeitpunkt ist noch nicht da. Wir kennen die Methode, aber den Zeitpunkt kennen wir nicht. [...] Wir haben immer noch einen Grund, die äußerste Grenze nicht zu durchstoßen. Wir sind versucht, es zu tun, wir tun es nicht, fortwährend denken wir, es tun, es nicht tun, Konsequenz, Inkonsequenz, bis wir die äußerste Grenze durchstoßen haben. [...] Wir haben nichts erreicht, als was alle andern auch erreicht haben, indem wir das Außerordentliche verwirklicht und vollendet haben, als Alleinsein. [...] Immer zu weit gegangen, damit sind wir immer an die äußerste Grenze gegangen. Aber durchstoßen haben wir sie nicht. Wenn ich sie einmal durchstoßen habe, ist alles vorbei. Wir sind immer auf den bestimmten Zeitpunkt bezogen. Ist der Zeitpunkt da, wissen wir nicht, daß der Zeitpunkt da ist, aber es ist der richtige Zeitpunkt. Wir können solange in der höchsten Intensität existieren, als wir sind. Das Ende ist kein Vorgang. Lichtung.

Andreas Gryphius
An die Sternen

IHr Lichter / die ich nicht auff Erden satt kan schauen /
Ihr Fackeln / die ihr Nacht und schwartze Wolcken trennt
Als Diamante spilt / und ohn Auffhören brennt;
Ihr Blumen / die ihr schmückt des grossen Himmels Auen:
Ihr Wächter / die als Gott die Welt auff-wolte-bauen;
Sein Wort die Weißheit selbst mit rechten Namen nennt
Die Gott allein recht misst / die Gott allein recht kennt
(Wir blinden Sterblichen! was wollen wir uns trauen!)
Ihr Bürgen meiner Lust / wie manche schöne Nacht
Hab ich / in dem ich euch betrachtete / gewacht?
Herolden diser Zeit / wenn wird es doch geschehen /
Daß ich / der euer nicht allhir vergessen kan /
Euch / derer Libe mir steckt Hertz und Geister an
Von andern Sorgen frey werd unter mit besehen?

Thomas Bernhard
Preisen will ich Dich

Preisen will ich Dich mein Gott
in der Verlassenheit
und alle Angst verweht
und jeder Tod schenkt mir der Augen Licht
mein Gott ich preise Dich
wie lang die Zeit auch währt
ich bin nicht mehr allein
bei Dir bin ich
und froh
zerflattert sind die Vögel
schwarz
und wieder schwarz
die Zahl zerspringt
der Mond schreit auf
ich aber bin vorbei.

Andreas Gryphius
Morgen Sonnet

DIe ewig helle Schaar wil nun ihr Licht verschlissen /
Diane steht erblaßt; die Morgenrötte lacht
Den grauen Himmel an / der sanffte Wind erwacht /
Und reitzt das Federvolck / den neuen Tag zu grüssen.
Das Leben diser Welt / eilt schon die Welt zu küssen /
Und steckt sein Haupt empor / man siht der Stralen Pracht
Nun blinckern auff der See: O dreymal höchste Macht
Erleuchte den / der sich itzt beugt vor deinen Füssen!
Vertreib die dicke Nacht / die meine Seel umbgibt /
Die Schmertzen Finsternüß / die Hertz und Geist betrübt /
Erquicke mein Gemütt / und stärcke mein Vertrauen.
Gib / daß ich disen Tag / in deinem Dinst allein
Zubring: und wenn mein End’ und jener Tag bricht ein
Daß ich dich / meine Sonn / mein Licht mög ewig schauen.

Thomas Bernhard
Mein Gebet hört Gott auch

Mein Gebet hört Gott auch
am Morgen im Kornfeld
wo der Wind
die Kinder des Mittags sammelt
und die Entschlafenen
von ihren Gehirnen ausruhen
an der Mauer.
Gott hört mich
in der Finsternis des Regens
und auf den Wegen
bittrer Gräser und blanker Steine
über den Totenschädeln der Nacht
die in meinen Träumen zerschellen
aus Furcht.
Gott hört mich
in jedem Winkel der Welt.

Andreas Gryphius
Ewige Freude der Außerwehlten

O! wo bin ich! O was seh’ ich / wach ich? treumt mir? wie wird mir?
JEsu! welcher Wollust Meer / überschwemmt mein frölich Hertz /
Welt Ade! glück zu mein Trost! gutte Nacht Tod / Angst und Schmertz /
Ich find alles: alles lern ich! alles schau’ ich HERR in dir /
Ich zuschmeltz in lauter Wonne! JEsu! JEsu. Meine Zir!
O wie herrlich ists hir seyn! Erde deine Freud ist Schertz!
JEsu! ewig-gläntzend Licht! (tunckel ist der Sonnen Kertz!)
Ach! wie funckeln deine Schaaren! Sternen fliht! hir schimmern wir.
Ihr / die ihr Glutt und Schwerdt verlacht! ob schon eur Leib würd Staub und Aschen /
Ihr / die ihr euer reines Kleid habt in dem Blutt des Lambs gewaschen /
Rufft Hallelujah! Hallelujah! Freud und Leben!
Dir dreymal einig Ewigkeit; die alles in allen beherschet und zihret:
Sey unaußsprechlich Lob und Ruhm / und Ehre die dir nur alleine gebühret.
Dir / die sich ewig / (Hallelujah!) uns wil geben.